Anmerkungen zum Artikel

Anmerkungen zum Artikel „Die konformistische Rebellion“ (https://www.nd-aktuell.de/artikel/1162887.marxismus-die-konformistische-rebellion.html?sstr=Die|konformistische|Rebellion):

In diesem Artikel wird die heutige (pseudo?) Linke zu Recht dafür kritisiert, dass sie sich von Nebensächlichkeiten ablenken lässt. Es spielt in der Tat keine wesentliche Rolle ob mensch in irgendeiner Nebenrolle (Geschlecht, Rasse, Religion, sexuelle Orientierung, Essgewohnheiten oder was auch immer) unterdrückt wird. Entscheidend ist ob mensch als Mensch unterdrückt wird.

Leider macht der Artikel den Fehler, da stehen zu bleiben wo auch Marx stehen blieb. Es stimmt : „Der ganze Reiz der bürgerlichen Gesellschaft besteht darin, dass die Ungleichheit als Gleichheit erscheint, die Unfreiheit als Freiheit – als »gleiche Marktteilnahme«.“ Dies ist genau das ideologische Fundament des Kapitalismus. Ebenso stimmt „Die ökonomische Besonderheit besteht darin, dass der Lohn als bezahlte Arbeit erscheint, das heißt als etwas, das das monetäre Äquivalent für den gesamten Arbeitstag darstellt – und nicht nur für seinen »notwendigen« Teil.“ Da aber der Kapitalist beim Verkauf seiner Ware eben mehr verlangen kann als den „notwendigen Teil“ (also die Herstellkosten) ist damit die erste Aussage widerlegt – die Marktteilnahme erfolgt unter sehr ungleichen Bedingungen.

Letztlich hat Marx sich zu sehr in die Ökonomie verbissen, der Kapitalismus ist kein Wirtschaftssystem sondern eine Form gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Und der Kapitalismus ist auch nichts Besonderes, es bestehen nur graduelle Unterschiede zum Feudalismus oder zu Sklavenhaltergesellschaften. Und ganz sicher ist der Kapitalismus nicht für die Explosion der Produktivkräfte verantwortlich.

Die wahre Grundlage jeder Ausbeutung ist nicht das Kapital sondern das allgemeinere Privateigentum (verstanden als private Verfügungsgewalt über kollektiv erwirtschaftete Resourcen). Hier zeigt sich auch, dass der Kapitalismus nichts weiter ist als die logische Weiterentwicklung vorhergehender Gesellschaftssysteme als Folge der Entwicklung der Produktivkräfte. In Sklavenhaltergesellschaften und im Feudalismus war die Verfügungsgewalt (oder Privateigentum – wie auch immer die zugehörige Ideologie das bezeichnete) über Grund und Boden (und darauf befindlicher Infrastruktur) das entscheidende Machtmittel. Mit der Entwicklung der Produktivkräfte durch die wissenschaftlich/technologische Revolution verloren diese Eigentumsformen an Bedeutung und die Verfügungsgewalt über Maschinen, Fabriken und Wissen gewann dramatisch an Bedeutung.

Gleich blieb immer, dass die private Aneignung von kollektiv erwirtschafteten Gütern, die Grundlage der Macht Weniger über die Vielen war und ist.

Das Hauptargument für den Kapitalismus ist bekanntlich, dass er den Fortschritt gewaltig vorantreibt und dass deshalb die Ungleichheit wünschenswert ist. Diese Erzählung kann und muss durch eine Linke als Lügenmärchen entlarvt werden. Die zweite Aufgabe einer Linken ist es eine Alternative anzubieten. Auch dies ist defacto überraschend einfach – die Alternative zur privaten Verfügungsmacht über gesellschaftliche Resourcen ist natürlich die kollektive Verfügungsmacht über diese. Der Name dieser Alternative ist ebenso lang bekannt wie missbraucht : DEMOKRATIE. Die Natur der Demokratie ist mit privater Verfügungsgewalt über gesellschaftlich relevante Resourcen schlicht nicht vereinbar.

Bleibt das Problem der Freiheit. In den Köpfen westlich sozialisierter Menschen ist die Vorstellung von Privateigentum und Freiheit fest miteinander verdrahtet. Ebenso ist Freiheit und Individualismus kaum voneinander zu trennen. Der Fehler hierbei ist, dass immer nur die Freiheit einiger weniger Privilegierter gemeint ist. Der Rest wird mit der Hoffnung abgespeist selbst einmal zu den Privilegierten aufzusteigen. Letztlich hat das westliche Denken hier einen blinden Fleck in dem es Kollektiv und Individuum als Gegensätze konstruiert. Die simple Tatsache, dass starke Individuen nur aus einem starken Kollektiv erwachsen können und starke Kollektive auf starke Individuen angewiesen sind, wird verdrängt.

Letztlich ist das westliche Denken beim Kampf gegen den Feudalismus in eine Sackgasse gelaufen, es hat sich das trojanische Pferd des Eigentums unterjubeln lassen, dessen Schutz zum Hauptzweck aller westlichen Staaten geworden ist. Wahre Demokratie ist deshalb als Gefahr bekämpft worden, die durch Parlamentarismus und sogenannte Checks and Balances eingehegt werden muss. Letztlich also mit allen Mitteln verhindert wurde und wird. Dies hat zur (heftig verdrängten) Folge, dass die übergroße Mehrheit der Menschen nicht als vollwertige Menschen sondern nur als Produktionsmittel behandelt werden.

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