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Anmerkungen zu Artikel in ND vom 22.4.2023

https://www.nd-aktuell.de/artikel/1172585.unruhe-und-arroganz-lange-lebe-die-krise.html?sstr=Koselleck

Den Vorwurf der Heuchelei kann man dem (Bildungs-)Bürgertum zweifellos machen. Diesen Vorwurf auch der Aufklärung zu machen greift aber deutlich zu kurz. Vielmehr muss dem Bürgertum vorgeworfen werden, dass es das Vorhaben der Aufklärung aufgegeben oder gar verraten hat. Weder hat es für die Abschaffung aller Privilegien gekämpft noch den Feudalismus abgeschafft. Es hat sich damit begnügt sich eigene Privilegien zu sichern und sich auf die Seite des absolutistischen Staates zu stellen, der jetzt kapitalstisch gewendet den anonymen Markt zum absolutistischen Herrscher gemacht hat.

Dass das Bürgertum das „Vorrecht der Wahrheit“ für sich beansprucht ist zweifellos richtig. Dies war aber nur deshalb notwendig um die Wahrheit umso besser mit Füßen treten zu können. Und die Wahrheit war und ist, dass das Bürgertum den Kampf für die Aufklärung aufgegeben hat und zum kleingeistigen Besitzstandswahrer geworden ist. Es tut alles um Privilegien zu schützen und Demokratie zu verhindern – alles natürlich im Namen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Krisen sind dabei nur ein billiges Mittel zur Ablenkung von den wirklich wichtigen Problemen.

Noch eine letzte Bemerkung : Wenn mit der eher positiven Bewertung des Absolutismus auf den blinden Fleck der Aufklärung hingewiesen werden soll – auf die Überbewertung des Individuums gegenüber dem Kollektiv, dann ist das ein vielleicht ungeschickter aber notwendiger Versuch dies zu tun (soweit man das ohne das Buch gelesen zu haben beurteilen kann).